Auf Hans kann man sich verlassen. Am Mittwochmorgen um 6:58 Uhr war für uns Donnerstagswanderer klar, wo es am nächsten Tag hingehen sollte. Oder vielleicht doch nicht ganz?
„Optischer Telegraph 32, Bilsterberg – ca. 7 km – Nieheimer Tonbiotop, Kammmolch – Aussichtspunkt Lattberg, optischer Telegraph 31.“ So ungefähr las sich Hans’ Programm. Das klang schon eher nach einer kleinen Studienreise als nach unserer üblichen Donnerstagswanderung.
Mit elf Wanderern ging es am Treffpunkt los. Zunächst mit den Autos zum Bilsterberg und von dort zu Fuß zur ehemaligen Telegraphenstation 32 bei Oeynhausen. Die gehörte einst zur Königlich-Preußischen Optischen Telegraphenlinie zwischen Berlin und Koblenz. Rund 500 Kilometer lang war die Strecke mit insgesamt 62 Stationen. Mit beweglichen Flügeln an hohen Masten wurden codierte Nachrichten von Station zu Station weitergegeben. Was heute eine Nachricht auf dem Handy in Sekunden erledigt, war vor fast 200 Jahren modernste Kommunikationstechnik.


Natürlich war Hans bestens vorbereitet. Wenn er vor einer Informationstafel stand und erklärte, hätte man meinen können, er hätte sie selbst geschrieben.



Aber Hans war an diesem Nachmittag nicht unser einziger Fachmann. Auch Erwin sorgte dafür, dass wir etwas dazulernten. An der Station 32 entdeckten wir einen großen Stein mit auffälligen Vertiefungen und Rinnen. Für Erwin war die Sache schnell erklärt: Opfertisch! Und dann bekamen wir eine anschauliche Einführung, wie das früher möglicherweise so abgelaufen sein könnte – Vertiefungen als Blutschalen, eine Ablaufrinne für den Fall, dass es etwas mehr wurde, Hände in den roten Saft und anschließend ab ins Gesicht. Oder so ähnlich. Wir haben jedenfalls aufmerksam zugehört.

Nach der ersten Etappe hieß es: wieder ins Auto. Weiter ging es zum Nieheimer Tonbiotop. Dort sollte der Kammmolch einer der Stars des Tages werden. Sollte.
Gesehen haben wir nämlich keinen.
Aber das machte nichts. Den Muffmolch kennen wir schließlich auch nur aus Erzählungen. Und dank der Informationstafeln und unserer beiden Wanderexperten Hans, Erwin und Dieter wussten wir anschließend trotzdem einiges mehr über Molche, Frösche und den besonderen Lebensraum der Nieheimer Tongruben.



Dann wieder: Türen auf, einsteigen, Türen zu. Weiter zum Lattberg. Dort befand sich einst die Telegraphenstation 31, also eine der Nachbarstationen von Oeynhausen. Heute steht auf dem Lattberg ein Aussichtsturm.
108 Stufen ging es hinauf. Und anschließend exakt 108 wieder hinunter. Eine echte Erleichterung: Wir mussten die Stufen nur einmal zählen.



Am Ende standen tatsächlich nur 5,2 Wanderkilometer in drei Etappen auf der Uhr. Dafür dürften wir einen anderen Rekord aufgestellt haben. So häufig sind wir bei einer Donnerstagswanderung vermutlich noch nie ins Auto ein- und wieder ausgestiegen. Vier Fahrabschnitte, also achtmal Autotüren bewegen – auch das kann man durchaus als sportliche Betätigung verbuchen. Gut, dass die Autos vollgetankt waren.
Zurück am Treffpunkt wartete schließlich der vielleicht wichtigste Teil jeder gelungenen Expedition: die Verpflegung.
Dieter hatte alles vorbereitet. Mett und noch einige gute Reste von unserer Vereinsfahrt standen bereit. Dieter hat eben ein Gespür für das Wesentliche: Verpflegung gut – alles gut. Und wenn es irgendwo in Lippe ein Angebot gibt, schlägt der alte Lipper in ihm durch. Mett für unter sieben Euro? Da kann man nicht einfach vorbeigehen.

So endete eine Donnerstagswanderung, die irgendwie ganz anders war als sonst: 5,2 Kilometer zu Fuß, reichlich Kilometer mit dem Auto, 216 Turmstufen, Telegraphentechnik aus dem 19. Jahrhundert, ein unsichtbarer Kammmolch, Erwins Opfertisch und zum Abschluss Mett zum Sonderpreis.
Man muss eben nicht immer weit wandern, um viel zu erleben.
Danke Hans – auf dich ist Verlass!
